Antizyklisches Investieren: Das Ei des Kostolany

Das Ei des Kostolany - Antizyklisches Investieren
Bild: © pixabay.de

Passend zum Osterfest stelle ich euch mit dem Ei des Kostolany einen Aspekt zum antizyklischen Investieren aus dem Wirken der Börsenlegende André Kostolany vor.

Die regelmäßigen Leser haben sicherlich mitbekommen, dass mich kurzfristige oder saisonale Ereignisse, die die Aktienmärkte in die ein oder andere Richtung lenken, nicht wirklich interessieren. Wahlen, Koalitionsgespräche, Sell-in-may-Weisheiten, Jahresendrally oder andere mediale Fragwürdigkeiten werden von mir vollständig ignoriert.

Warum es mir ganz gut gelingt, mich davon nicht beeinflussen zu lassen, möchte ich euch gerne näher erläutern. 

Das Ei des Kostolany

Mit dem berühmten „Ei des Kostolany“ hat der gebürtige Ungar ein antizyklisches Konzept visualisiert, das bereits eine sehr wichtige Frage beantwortet, die sich ein Privatanleger stellen sollte, falls er überlegt und strukturiert agieren möchte.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird; ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden.“

André Kostolany

André Kostolany ging davon aus, dass sich die einzelnen Phasen eines Marktes in feststehender Reihenfolge immer und immer wieder wiederholen.

Wenn ich dieser Grundannahme folge, habe ich den großen Vorteil, dass ich viele Emotionen ausschalten kann, die mich nicht mehr beeinflussen und mir damit nicht mehr gefährlich werden können.

Bei der aktiven Geldanlage kaufe ich als antizyklischer Investor meine Aktien, wenn die Preise günstig sind und verkaufe sie wieder zu höheren Preisen.

Kostolany

Wie ihr dieser Darstellung entnehmen könnt, befinden sich die Märkte entweder in einem langfristigen Aufwärts- oder Abwärtstrend oder auch in einer Phase eines Stimmungsumschwungs. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Für jede Phase gibt es eine Handlungsempfehlung: Kaufen, Verkaufen oder Abwarten.

 

Phase 1: Korrektur im Aufwärtstrend

Die Menschen haben in der vorherigen Phase ihre Aktien in Panik zu absoluten Tiefstpreisen auf den Markt geworfen und die allgemeine Stimmungslage ist schlecht.

Trotz dieses Umfeldes beginnen die Preise zu steigen. Je früher man sich hier mit Aktien eindeckt, desto günstigere Preise kann man erzielen. Das ist die Phase, in der ich aktiv werde und meine Bargeldreserven konsequent in Aktien investiere.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass mein gesamtes für Investitionen bereitgehaltenes Cash, jetzt investiert wird und manchmal sogar Fremdkapital als Hebel zum Einsatz kommt. Von einem Fremdkapitalhebel möchte ich jedoch abraten. Es sei denn, ihr seid extrem erfahrene Privatanleger.

Man sollte jedoch nicht blind zugreifen, sondern erst nach einer sorgfältigen Unternehmensanalyse. Denn zu diesem Zeitpunkt kann man zwar hohe Qualität zum Schnäppchenpreis bekommen, doch nicht alle Unternehmen werden diese Phase überleben. Die Gefahr von Firmenpleiten ist jederzeit gegeben. Mit sogenannten Pennystocks haben risikoaffine Anleger hohe Chancen ihr Geld zu vermehren. Dazu zähle ich mich nicht.

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„Wer viel Geld hat, kann spekulieren, wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren, wer kein Geld hat, muß spekulieren."

André Kostolany

Phase 2: Stimmungsumschwung im Aufwärtstrend

Im besten Fall habe ich mich in Phase 1 vollständig mit günstigen Aktien eingedeckt. Diese Phase ist dann eine sehr entspannte. Wie eingangs erwähnt, muss ich nur die allermeiste mediale Berichterstattung ignorieren und brauche sonst nichts weiter zu tun. Ich achte lediglich darauf, wann der Übergang in die nachfolgende Phase erfolgt.

Falls ich es verpasst habe in Phase 1 Aktien zu kaufen, kann ich das nun mit Bedacht nachholen. Ich werde nicht mehr ganz so hohe Gewinne einfahren können, dafür habe ich eine höhere Sicherheit, dass der Tiefpunkt bereits erreicht wurde und die Börse sich tatsächlich im Aufwärtstrend befindet.

 

Phase 3: Übertreibung im Aufwärtstrend

Die Kurse sind nun auf dem Weg zu einer Überbewertung. Das bedeutet, dass die Unternehmenszahlen und -aussichten den Aktienkurs nicht mehr rechtfertigen. Vielleicht habt ihr schon einmal die Formulierung: „Die Kurse laufen den Zahlen davon“, gehört.

Die Stimmung an den Märkten ist durchweg positiv und sogar schlechte Nachrichten haben kaum noch negative Auswirkungen auf die Börse.

Der Zyklus erreicht hier seinen Höhepunkt.

Wenn plötzlich alle Welt in Aktien investieren möchte und sogar Freunde und Bekannte, die bislang nichts mit der Börse am Hut hatten, von nichts anderem als irgendwelchen „todsichere“ Empfehlungen sprechen, dann ist es Zeit meine Investments langsam zu überprüfen.

Denn dann herrscht eine allgemeine Euphorie, die durch die zuvor stark gestiegenen Kurse ausgelöst wurde. Jetzt dauert es nicht mehr lange bis zum zweiten Wendepunkt in diesem Zyklus.

Ich bin zwar grundsätzlich Buy and Hold-Anleger und möchte meine Aktien über mehrere Zyklen halten, jedoch nutze ich diese Phase um ab und an einzelne Aktien zu verkaufen und meine Gewinne zu realisieren.

Auch wenn es Fachleute gibt, die der Ansicht sind, dass es Phasen gibt, in denen man überhaupt keine Aktien haben sollte, senke ich meine Aktienquote zwar merklich ab, reduziere sie aber nicht auf Null.

Die durch die Verkäufe freigewordenen Barmittel werden nun auf dem Tagesgeldkonto geparkt oder auf weniger risikoreichere Geldanlagen verteilt.

 

Phase 4: Korrektur im Abwärtstrend

Die Kurse beginnen jetzt zu bröckeln. Viele erfahrene Anleger steigen aus dem Aktienmarkt aus und der Anteil der Aktien in den Händen von unerfahrenen Investoren oder Spekulanten steigt immer weiter an.

Oft haben die besagten Freunde und Bekannte im Bereich der Phase 3 ihre Anteile gekauft und befinden sich nun schon wieder im Minus. Bei Anfängern ist auf Grund der fehlenden Erfahrungen eine hohe Nervosität vorhanden und die Hoffnung, dass die Kurse sich wieder erholen wird stetig geringer, je länger diese Phase andauert.

Selbst gute Nachrichten haben kaum noch einen positiven Einfluss auf die Aktienkurse. Oftmals fallen die Kurse in dieser Phase umso heftiger, je länger zuvor die Phase 3 angedauert hat.

Durch meine monatliche Sparrate füllt sich mein Cashkonto von ganz allein und federt die Verluste meiner verbliebenen Aktien in diesen Zeiten etwas ab. In dieser Phase muss ich wieder nur abwarten. Ich nutze die Zeit, um mich mit anderen Dingen als mit der Börse zu beschäftigen. Von der medialen Berichterstattung lasse ich mich nicht beeinflussen.

 

Phase 5: Stimmungsumschwung im Abwärtstrend

Die Kurse fallen nun schon ein ganze Weile und vermiesen den Anlegern so richtig die Stimmung. Überall hört und liest man nur noch von der „Krise“. Die allgemeine Lage ist mies und positive Nachrichten gibt es so gut wie gar nicht mehr. Falls doch, werden sie einfach nicht mehr wahrgenommen. Immer mehr Anleger verkaufen ihre Aktien – oft sogar um Schulden, die nun eingefordert werden, bezahlen zu können.

Mein eigenes Verhalten ist immer noch dasselbe, wie in Phase 4: Ich mache einfach gar nichts. Mein Tagesgeldkonto füllt sich automatisch weiter. Das macht die Aktienverluste etwas erträglicher.

 

Phase 6: Übertreibung im Abwärtstrend

Die letzte Phase des Abwärtstrends. Die katastrophale Stimmung und die schlechte wirtschaftliche Lage drücken die Aktien weit unter ihren realistischen Wert. Die Medien erwecken den Eindruck als wenn es kaum noch Chancen gäbe, dass die Märkte jemals wieder steigen können.

Das Pendel hat den Mittelpunkt überschritten und schlägt in die negative Richtung aus. Wer noch investiert ist, verkauft jetzt mit horrenden Verlusten.

Auf der anderen Seite denkt der erfahrene Investor schon wieder über das Kaufen nach. Denn er weiß, dass irgendwann die Kurse ihre Talsohle erreichen und nicht mehr weiter fallen.

Genau dann ist der Zeitpunkt gekommen, um wieder zu investieren. Doch man muss nun vorsichtig sein, denn die Märkte befinden sich vermutlich in einer Wirtschaftskrise. Zu dieser Zeit ist die Gefahr am größten, dass man durch Insolvenzen der Unternehmen, von denen man Anteile kauft, sein Kapital komplett verliert. Man muss sich immer bewusst machen, dass die größten Chancen auch meistens mit dem größten Risiko behaftet sind.

Durch eine besonders sorgfältige Unternehmensauswahl bzw. dadurch, dass man sich nur wirklich hochwertige Unternehmen aussucht, kann man dieses Risiko minimieren.

"Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten, und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“

André Kostolany

Fazit

Dieses Grundgerüst von André Kostolany könnte als möglicher Leitfaden sehr hilfreiche Anhaltspunkte geben, wie Ihr euch als langfristig orientierte Investoren in den einzelnen Marktphasen verhalten könntet. Ohne euch durch Emotionen vom Weg abbringen zu lassen, könnt ihr eure Strategie wie mit einer Checkliste verfolgen. Das Wissen über das zyklische Verhalten der Kapitalmärkte in Kombination mit einer durchdachten Strategie können auf lange Sicht zum Erfolg führen.

Die Kunst besteht jedoch darin, eine starke Überzeugung zu bilden, sowie eure Meinung entgegen der Mehrheitsmeinung der anderen Anleger bzw. der Medien zu behalten und euch nicht verunsichern zu lassen.

Es geht darum, dann zu kaufen, wenn alle die Börse verteufeln und die Anteile dann zu verkaufen, wenn jeder das Gefühl hat, besser kann es nicht mehr werden. 

Ihr müsst jedoch zwingend beachten, dass es bei Kostolanys Konzept nicht um tägliche oder anders kurzfristige Schwankungen einzelner Aktien geht. Stattdessen beschreibt das Ei des Kostolany Zeiträume von Monaten und Jahren! Ein kompletter Börsenzyklus, der alle sechs Phasen beinhaltet, kann durchaus mehr als ein Jahrzehnt andauern.

Wer dieses Prinzip einmal verstanden hat, muss nun noch die zweite elementare Frage des zyklischen Handelns beantworten können: Woher weiß ich, in welcher Phase ich mich befinde?

Der Dividenden-Alarm verfolgt genau dasselbe Prinzip. Wie ihr herausfinden könnt, in welcher Phase sich der Markt befindet und wie der Dividenden-Alarm in der Praxis funktioniert, erfahrt ihr im Gastbeitrag von Alex Fischer. Er erklärt auch, wie ihr bessere Zeitpunkte zum Ein- oder Ausstieg treffen und somit zukünftig bessere Renditen erzielen könnt.

André Kostolany

André Kostolany

André Kostolany, 1906 in Ungarn geboren, war der unbestrittene Meister der Börsenspekulation. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte und wäre eigentlich lieber Pianist geworden. Seine Karriere als Spekulant begann in den zwanziger Jahren an der Pariser Börse, später arbeitete er an allen großen Börsen der Welt. Der »geistreiche Buchautor und amüsante Plauderer« (der Spiegel) hatte weltweit ein Millionenpublikum, seine Bücher wurden in acht Sprachen übersetzt. Bis kurz vor seinem Tod nahm er regen Anteil am Welt- und Börsengeschehen. Am 14. September 1999 ist er 93-jährig in Paris gestorben.

André Kostolany läßt nach einem erfüllten Leben, das fast ein ganzes Jahrhundert umfaßte, sein Verhältnis zum Geld und sein langes und erfolgreiches Börsenleben Revue passieren und legt diesen reichen Schatz an Einsicht und Erfahrung in seinem letzten Buch nieder. Phantasie, Geduld, Weitblick und Erfahrung - die Kardinaltugenden eines Spekulanten, besaß er im Übermaß, und auch jenes Quentchen Glück, das aus einem Finanzjongleur einen Meister werden läßt. Seine Sicht auf die Börsenwelt und ihre Gesetze, sein Gespür und seine Weisheit hat er nie für sich selbst behalten, sondern immer einem breiten Publikum offenbart. So half er, die sprichwörtliche ideologische Befangenheit der Deutschen gegenüber der Aktie zu überwinden und etwas vom Reiz der Börse zu vermitteln.

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4 Comments

  1. Meine Finanzielle Freiheit

    Sicher ein tolles Konzept – doch auch ich frage mich, ob man immer genau sagen kann, an welcher Position des Eis man sich befindet 😉
    Nehmen wir das derzeitige (8.2.2018) Börsenumfeld, mir fällt es schwer zu sagen, ob wir in Phase 4, 5 oder 6 sind. Insofern kann ich mein Handeln nur schwer danach ausrichten.
    Ich bleibe daher bei einer mechanistischen Investitionsphilosophie (regelmäßig investieren, größere Geldbeträge sofort investieren) und nutze ETFs zur Umsetzung der Strategie.
    Viele Grüße
    MFF

    1. Marco

      Moin Lukas,

      einen überzeugten ETF-Anleger wird man damit sicher nicht zum aktiven Investieren bewegen können. Aber das ist ja auch nicht das Ziel.

      Das Ei ist eher Hilfestellung für die Zielgruppe der aktiven Anleger.

      Natürlich sind die Grenzen zwischen den Phasen oftmals fließend, aber ob ich mich innerhalb eines langfristigen Börsenzyklusses in der Kauf- bzw. Verkaufsphase befinde, kann man schon erkennen, finde ich.

      Wer sich für weitere objektive Kriterien, die eine genauere Einschätzung erleichtern, interessiert, wird im zweiten Teil der Artikelserie fündig:

      https://marcowenzel.de/mit-dem-dividenden-alarm-deutlich-bessere-renditen-erzielen/

      Beste Grüße
      Marco

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Die hier vorgestellten und besprochenen Geldanlagen befinden sich teilweise in meinen privaten Depots oder auf der Beobachtungsliste. Alle Beiträge dienen lediglich der Information oder der Unterhaltung. Sie stellen ausdrücklich keinerlei Empfehlung oder Kaufaufforderung dar. Ich leiste keine rechtsgeschäftliche Anlageberatung und kann diese auch nicht ersetzen. Dies gilt für sämtliche Kommunikationswege. Bei den hier erläuterten Anlageentscheidungen handelt es sich um meine subjektive Meinung. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Geldanlagen immer mit Risiken behaftet sind, die bis zum Totalverlust führen können. Eine Haftung für eure Anlagenentscheidungen kann ich nicht übernehmen. Ihr handelt eigenverantwortlich und auf eigene Gefahr. Vor einer Anlageentscheidung empfehle ich euch die Inanspruchnahme einer professionellen Beratung.